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Okinawa & Japan

Hauptinsel Okinawa - 沖縄本島

Beim Landeanflug auf Okinawa gewinnt man zunächst einmal den durchaus ernüchternden Eindruck, eine völlig zugebaute Insel zu besuchen, ganz anders, als man sie sich vielleicht vorgestellt haben mag. Die angenehm subtropische Atmosphäre mit Palmen und Orchideen bei der Ankunft im Flughafen kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß spätestens dann, wenn man in der Monorail sitzt und aus dem Fenster schaut, das Stadtbild Nahas dominiert wird von wenig ansehnlichen Betonbauten. Das also soll „Churashima“ sein? Die „Schöne Insel“, die mit herrlichen Stränden und satter Blütenpracht wirbt? Der erste und vielleicht auch der zweite Eindruck der Hauptstadt Naha wirken in der Tat nicht unbedingt einladend. Nun, an Blumen und Blüten herrscht wirklich kein Mangel, nahezu überall kann man auf üppige Hibiscus-Sträucher stoßen, und im nördlichen Teil der Insel sind auch Gegenden zu finden sein, deren Landschaft tatsächlich halten, was das Image Okinawas verspricht. Dennoch sind die meisten Strände hingegen leider in der Hand großer Hotelketten, die sie so ihren Gästen vorbehalten können. Eine Negativentwicklung, die mit der seinerzeit sprunghaft angestiegenen Popularität Okinawas als Ferienparadies zustande gekommen ist.
Da ich jedoch meinen Aufenthalt hier aber in erster Linie mit der Büchersuche in diversen Bibliotheken und mit dem Kennenlernen der inseltypischen Küche verbringen wollte, hat dieser Umstand mir nicht viel ausgemacht. Vielmehr nutzte ich die Gelegenheit, hin und wieder die Stadt Naha zu Fuß zu erkunden und durfte dabei feststellen, daß sie beim näheren Hinsehen gar nicht mehr so reizlos erscheint, sobald man nur etwas tiefer in das Leben eintaucht und schaut, was Teller und Töpfe so zu bieten haben.

Die Eßkultur Okinawas braucht einen Vergleich mit der Küche des japanischen Mutterlandes nicht zu scheuen, ist sie doch in großen Teilen völlig anders, dazu äußerst interessant, und darüber hinaus ebenfalls unbestritten köstlich! Zugegeben, auch hier wirken einige der regionalen Speisen auf daran nicht gewöhnte Gaumen (sowie Augen und Nasen) recht fremdartig, und es mag manchmal auch etwas Überwindung kosten, sich an die eine oder andere Leckerei heranzuwagen. Doch auch wenn man weniger kulinarischen Wagemut zeigt, findet sich in den kleinen und größeren Restaurants, izakaya-Kneipen und Cafés eine reichliche Auswahl an Köstlichkeiten, die einem den kulinarischen Aufenthalt in Okinawa durchaus angenehm bis unvergeßlich machen.
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Mit die größte Ansammlung verschiedenster Lokalitäten der ganzen Stadt findet der Besucher ohne Zweifel entlang der Kokusai-dōri 国際通り, der „Internationalen Straße“. Diverse Souvenir- und Klamottenläden, Geschäfte für den okinawaischen Reisschnaps Awamori 泡盛 und andere Alkoholika sowie Bars und eine große Auswahl an Restaurants locken Tag und Nacht Kundschaft an. 

Auch wenn die Straße eindeutig vom Tourismus geprägt ist, macht es immer wieder Spaß, hier entlang zu schlendern. Einen großen Pluspunkt von mir erhält die Kokusai-dōri darüber hinaus deswegen, weil auch sie zu einer Nichtraucherzone erklärt wurde, so daß man nicht Gefahr läuft, unentwegt von Rauchschwaden umnebelt zu werden.

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Die Bandbreite der Restaurants bietet genug Auswahl, um auch bei längeren Aufenthalten jeden Tag etwas Neues ausprobieren zu können: Selbstverständlich findet sich hier traditionelle Okinawa-Küche, aber auch relativ neue regionale Spezialitäten wie Tacos bzw. Taco-Reis (auf den ich weiter unten im Text noch einmal zu sprechen komme) und niku-maki 肉巻き, eine Art Roulade aus Schweinefleisch. Gefüllt mit Reis wird sie anschließend knusprig braun gebraten - je nach Wunsch mit oder ohne Käse oben drauf - und gehüllt in ein Salatblatt in einem kleinen Geschäft sowie einem Verkaufswagen an die Kundschaft verkauft. Die nur 350 Yen sind dafür sehr gut angelegt, vor allem bei jungen Gästen erfreuen sich die niku-maki-Rollen sehr großer Beliebtheit! Abgerundet wird die Vielfalt des Angebotes an der Kokusai-dōri übrigens durch einen kleinen Verkaufsstand mit türkischem Döner-Kebab, den ich hier ebenfalls nicht unerwähnt lassen möchte!

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Unbedingt zu empfehlen ist auch folgende Spezialität: In früheren Zeitaltern wurde den Königen des Ryūkyū-Reiches eine besondere Tee-Spezialität namens bukubuku-cha ぶくぶく茶 serviert. Hierbei krönt den Tee eine mehrere Zentimeter hohe Schaumkrone, die jeden Cappuccino bequem in den Schatten stellen könnte!

Mit der selben Zubereitung läßt sich auch Kaffee, Kakao und sogar awamori-Schnaps aufpeppen. Es ist den Spaß wert, das einmal zu probieren, zum Beispiel in dem kleinen „Ryūkyū-Café“ (琉球咖啡館) in der Kokusai-dōri. Der hausgemachte Kuchen des äußerst heimelig eingerichteten Lädchens paßt übrigens auch ausgezeichnet dazu, und wer einmal daheim seinen eigenen bukubuku zubereiten möchte, kann sich dort unter anderem mit den passenden Zutaten eindecken.

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Man findet tatsächlich stets irgendetwas Interessantes entlang der Kokusai-dōri, und damit meine ich nicht nur Ess- oder Trinkbares: Musikfreunde können sich in einer der umliegenden Instrumentenmanufakturen z.B. nach einer Musik umsehen, einer Art dreisaitige Laute, die mit der Musik der Ryūkyū-Inseln untrennbar verbunden ist. Auch für ungeübte Zeitgenossen wie mich ist die Sanshin durchaus leicht zu erlernen und zu spielen. Man hat damit ein regionaltypisches Mitbringsel, das nicht nur optisch etwas hermacht, sondern mit dem man daheim ein wenig Okinawa-Flair herstellen kann, wann immer man möchte.
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Dazu passen die shīsā シーサー, die typischen Schutzgötter der Ryūkyū-Inseln in Gestalt von Löwenhunden, die man in verschiedensten Farben und Formen erwerben kann. Und wenn man in den Souvenirgeschäften bisher nicht den perfekt passenden shīsā gefunden haben sollte, lohnt sich umso mehr ein Abstecher in die Straße Tsuboya-yachimun-dōri 壺屋やちむん通り. 

Nur ein paar Seitenstraßen entfernt von der Kokusai-dōri, auf der anderen Seite einer überdachten Ladenpassage, reihen sich in alten kleinen Häuschen etwa zwanzig Geschäfte für typische und traditionelle Keramik- und Töpfereiartikel der Ryūkyū-Inseln sowie ein Keramik-Museum aneinander. Hier Hier kann man sich selbst am Gestalten eines shīsā-Löwenhundes versuchen, für ein ganz individuelles Erinnerungsstück an Okinawa!

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Doch zurück zum Essen: Mögen die Restaurants auf der touristischen Hauptader Nahas schon eine große Auswahl bieten, so kann der Besuch einer der kleinen Izakaya-Kneipen doch noch die eine oder andere kulinarische Herausforderung werden. So machte mich eine Angebotstafel neugierig, die mir eines Abends auf dem Weg in meine Herberge auffiel: Neben anderen mir schon mehr oder weniger bekannten Okinawa-Spezialitäten bot die kleine Izakaya-Kneipe „Yuima-ru“ ゆいまぁる auch Sashimi aus Ziegenfleisch an. Ich gebe zu, ich war überrascht! Der Genuß von Pferd und Rind als Sushi oder Sashimi ist mir bereits bekannt, und daß auf den Ryūkyū-Inseln auch Ziegenfleisch (z.B. als Suppe) verwendet wird, war mir auch nicht neu. Aber als Sashimi? Das mußte ich doch einmal probieren, also kehrte ich kurzerhand ein.
An diesem Abend sollte ich neben der Küche auch einen weiteren Grund erfahren, weswegen man sich in Okinawa so wohlfühlen kann: die Wärme und Freundlichkeit der Menschen hier!
Gelegentlich mag der erste Eindruck beim Betreten solch einer kleinen Izakaya als Fremder zunächst etwas ungewohnt sein, vor allem, wenn der Wirt hinter dem Tresen gerade so schaut, als habe man ihn gerade gestört. Doch als ich dann verschiedene Köstlichkeiten wie Ziegen-Sashimi, sukugarasu-dōfu スクガラス豆腐 (Tōfu mit salzig eingelegten Fischchen obendrauf) oder jimāmi-dōfu  ジマーミ豆腐 (Erdnuß-Tōfu) bestellte, zeigte sich sofort die Gastfreundschaft Okinawas in ihrer schönsten Form. 
Im Gespräch erwähnte ich dann, daß ich während meiner Reise die Eßkultur der Ryūkyū-Inseln näher kennenlernen und erforschen wollte, mit dem Ergebnis, daß mir der Wirt ohne Zögern immer weitere Kostproben seines Angebotes servierte. Manche zum halben Preis, manche gar auf Kosten des Hauses. Selbst mit interessanten Hintergrundinformationen zu manchen Gerichten wurde ich versorgt und  letztendlich durfte auch eine Verkostung von Awamori-Schnaps nicht fehlen.
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 Meine Wahl fiel auf eine alte Sorte, die fünfzehn Jahre reifen durfte. Und da der Wirt der Meinung war, daß ich die verschiedenen Geschmäcker doch vergleichen müßte, um mir ein Urteil bilden zu können, servierte er mir auch auch gleich kleine Kostproben jüngerer Jahrgänge, wiederum auf Kosten des Hauses. Dazu wurde mir eine Kostprobe tōfu-yō gereicht, eine würzige bis scharfe Beispeise zum Awamori, die auf den Ryūkyū-Inseln aus Tōfu mit einem besonderen Verfahren hergestellt wird.

So darf ich guten Gewissens behaupten: es lohnt in der Tat, sich an einem gemütlich warmen Okinawa-Abend einen Awamori als mizuwari (auf Wasser und Eis) zu gönnen und diesen zusammen mit den vielen kleinen Köstlichkeiten zu genießen. Das Ziegen-Sashimi übrigens war wider Erwarten in dieser Kneipe nicht roh, und nachdem ich mich an den ersten Bissen herangewagt hatte, schmeckte es tatsächlich auch gar nicht so schlecht. Eine kulinarische Erfahrung, die es wert wäre, wiederholt zu werden! Leider reichte die knappe Woche in Naha/Okinawa nicht aus, um die kleine Kneipe ein weiteres Mal zu besuchen. Immerhin wollte ich mich doch hier und da durch die verschiedensten Leckereien durchkosten, und zwei Abendessen an einem Tag, da hätte irgendwann trotz allen Forscherdrangs sogar mein Magen sein Limit erreicht und schließlich kapituliert... 


Drei Tagen benötigte ich, um alle eingeplanten Bibliotheken nach passenden Büchern abzugrasen. Dabei bin ich weit über meine Erwartungen hinaus fündig geworden, diverse weitere Bücher konnte ich auch noch im Handel erstehen. Im Anschluß daran wollte ich mich nun auch ein wenig an die Besichtigung der Stadt wagen. Dabei darf natürlich das Schloß Shuri-jō 首里城 nicht fehlen, in dem seinerzeit der König des Ryūkyū-Reiches seinen Sitz hatte. Umgeben ist es von einem kleinen Park, der vielleicht nicht spektakulär ist im Vergleich zu anderen Parkanlagen Japans. Dennoch bietet er sehr viele hübsche Ansichten und lädt durchaus zu einem gemütlichen Spaziergang ein. Da gerade an dem Sonntag, als ich mich auf Besichtigungstour machte, ziemlich regnerisches Wetter herrschte, hielt sich auch der Besucherandrang etwas in Grenzen, so daß ich mich ungehindert dem Betrachten und dem Fotografieren hingeben konnte.

Ein kleiner Wermutstropfen für den Ausflug war die Tatsache, daß am Schloß Shuri gerade Renovierungsarbeiten vorgenommen wurden, was sich natürlich auf Fotos eher störend auswirkte. Doch so hat man natürlich einen (weiteren) Grund, wieder mal hinzufahren, in der Hoffnung, daß die Bauarbeiten dann abgeschlossen sind und das Schloß in so sattem Rot leuchtet, wie man es von den Ansichtskarten kennt. Mit der Monorail ist Shuri-jō übrigens ganz schnell und einfach zu erreichen, also wie geschaffen für eine kurzentschlossene Besichtigung! 

Leider nicht ganz so nahe lagen die Orte, die ich eigentlich auch noch auf Okinawa besuchen wollte. Zum einen dachte ich da an die Stadt Kin 金武, in der im Jahre 1984 eine der bekanntesten kulinarischen Spezialitäten der Insel Okinawa: der oben bereits erwähnte Taco-Reis. Da die in den umliegenden US-Militärbasen stationierten GIs eine Vorliebe für herzhafte TexMex-Küche hatten, kam ein findiger Restaurantbesitzer auf die Idee, die Füllung mexikanischer Tacos auf sättigendem Reis zu servieren, was sich in kürzester Zeit zum Renner entwickelte. Und obwohl Taco-Reis mittlerweile wohl in der ganzen Präfektur Okinawa (und darüber hinaus) zu finden ist, soll er in Kin immer noch am besten schmecken!

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Zum anderen wollte ich das Dorf Ōgimi 大宜味 besuchen, das sowohl für seine überdurchschnittlich hohe Zahl von Hundertjährigen berühmt ist als auch für „Emis Restaurant“ ( „Emi no mise“ 笑味の店). Hier bietet die selbst schon recht - oder in Okinawa-Maßstäben: relativ - betagte Wirtin ein „Menü für ein Langes Leben“ an, welches mittlerweile so populär ist, daß man es bereits Tage im Voraus reservieren sollte.

Nun, diese Ausflugspläne scheiterten an der Tatsache, daß ich es weder in Tokyo noch in Okinawa schaffte, meinen deutschen Führerschein ins Japanische übersetzen zu lassen. Die Busverbindungen auf Okinawa sind zwar hervorragend, doch um in die nördlicheren Gegenden der Insel (und am selben Tag wieder zurück!) zu gelangen, wäre ein Mietwagen oder -motorrad die deutlich bessere Wahl gewesen.

Abschließend kann ich feststellen, daß ich von meinem Besuch der Hauptinsel Okinawa mehr als nur positiv überrascht war. Trotz aller Bausünden vor allem in der Region der Hauptstadt Naha ließ sich auch hier viel Liebenswertes entdecken, an das ich mich gern erinnere und das meine Vorfreude auf einen erneuten Besuch schon vor dem Weiterflug nach Ishigaki weckte.