hajichi-Tätowierungen 針突

Vorweg: Bisher habe ich kein Fachbuch zum Thema bekommen können, meine Recherchen zu den hajichi-Tattoos beschränken sich daher nur auf Funde im Internet.
In erster Linie wurde ich fündig in japanischen Blogs, die sich wiederum auf Informationsmaterial oder Berichte stützten. Daher kann ich mich nicht darauf verlassen, ob und inwieweit die Aussagen auch fundiert sind.
Aus diesem Grunde entschied ich mich, die entsprechenden Seiten im Netz als Quelle anzugeben, bis ich verlässlicheres Material in den Händen halte.

Tätowierungen im japanischen Stil haben heute einen festen Platz in der Körperkunst. Die in der Regel sehr großflächigen und meist farbenfrohen Bilder auf der Haut gelten als eines der höchstentwickelten und bekanntesten Genres.
Neben diesen als horimono 彫り物 (svw. „Schnitzwerk“) bekannten Kunstwerken stammen von den japanischen Inseln auch weitere Körperschmucktraditionen. So kennt man beispielsweise die Tätowierungen der Ainu, die als Ureinwohner das Land bewohnten, ehe sie als Folge der Besiedelung durch das Volk der Japaner immer weiter in Richtung Norden verdrängt wurden. Typisch für ihre Kultur waren unter anderem ringförmig um den Mund eingebrachte, bartartige Tattoos der Frauen.

Daß auch auf den Ryūkyū-Inseln lange Zeit eine eigene Kultur des Tätowierens existierte, ist hingegen auch in Japan kaum bekannt. Es handelt sich dabei um die fast vergessene Kunst des hajichi 針突 (gelegentlich auch als pajichi bezeichnet): spezielle Hand-Tattoos, die ebenfalls nur unter den Frauen verbreitet waren. Jede Region, ob Amami Ōshima über Okinawa bis hin zu den Miyako- und Yaeyama-Inseln hatte ihre eigenen Stile hervorgebracht.



Die Technik beim Tätowieren mutet aus heutiger Sicht sehr archaisch an: mit gebündelten Bambusspießchen oder Dornen von Mandarinenbäumen verletzte man die oberen Hautschichten mit zahlreichen kleinen Stichen. In die frische Wunde wurde anschließend die Farbe eingebracht, die nach dem Abheilen als Zeichnung in der Haut verblieb. Die Funktion des hajichā (Tätowierer) übernahm dabei oft die Schamanin des Dorfes.

Die Muster in der Haut waren bei den Frauen sehr begehrt, wohl auch, weil ansonsten anscheinend kaum Schmuckartikel verwendet wurden. Darüber hinaus hatten die Tätowierungen auch eine Funktion als glücksbringendes Amulett. Möglich ist, daß die hajichi dabei vor allem einen Schutz gegen Entführungen und Mädchenhandel in andere Länder boten: Außenstehende betrachteten die Tattoos in der Regel als einen Makel, darüber hinaus wäre anhand der Zeichnungen auch die Herkunft der Frau erkennbar.



Begonnen wurde mit dem Stechen angeblich bereits in einem Alter der Mädchen ab sieben bis zehn Jahren. Bei der Gelegenheit versammelten sich die Verwandten zum Gratulieren und Feiern des Rituals. Auch zu Eheschließungen wurden Tätowierungen vorgenommen, die Braut zeigte damit, daß sie eventuelle Strapazen ebenso zu ertragen bereit war wie die Schmerzen beim Tätowieren.

Im Jahr 1899 setzte die Meiji-Regierung ein Verbot der hajichi als eine „sittenwidrige“ Tradition durch. Zum einen sollten damit die Ryūkyū-Inseln der japanischen Kultur weiter angeglichen werden: in dieser waren Tätowierungen verpönt und wurden als Merkmal der Unterwelt abgelehnt. Zum anderen ist auch denkbar, daß durch eine Kriminalisierung der Zeichen der Einfluß sozial hoch angesehener Trägerinnen in den Dorfgesellschaften geschwächt werden sollte, um auf diese Weise unbequeme soziale Strukturen zu brechen.
Eine Zeitlang konnte man die Muster noch bis in die Gegenwart hinein auf den Händen sehr alter Frauen erkennen, dennoch ist sicher, daß die ursprüngliche Kunst und Bedeutung der Ryūkyū-Tätowierung mit der letzten Trägerin für immer gestorben sein wird.

Auch wenn die Tradition heute verschwunden ist, bleibt doch vereinzelt ein Interesse an dieser alten Kultur und an dem typischen Design der hajichi, teilweise in unerwarteter Form. Doch selbst wenn es etwas seltsam anmuten mag, tragen Handschuhe oder T-Shirts mit hajichi-Muster auf ihre Weise dazu bei, daß diese Form der Tätowierung nicht ganz in Vergessenheit gerät.

Links zum Thema:

Erläuterung von „hajichi“ auf Ryūkyū-shinpō (japanisch)
Blogeintrag von Natchan-Mama (japanisch)
Blog von tako888k, Eintrag 1 (japanisch)
Blog von tako888k, Eintrag 2 (japanisch)
Blog von tako888k, Eintrag 3 (japanisch)
Eintrag auf okinawa-information.com (englisch)


Die Skizzen (außer Taketomi-jima) habe ich angefertigt nach Zeichnungen aus „Series of Japanese geography and folk culture: Vol. 12“「日本地理風俗大系 第12巻」, die u.a. auch in der japanischsprachigen Wikipedia verwendet wurden:

Skizzen zu Amami-Ōshima
Skizzen zu Okinawa, Miyako-jima und Yaeyama-Inseln