Okinawa 1/3

Beim Landeanflug auf Okinawa gewinnt man zunächst einmal den - durchaus ernüchternden - Eindruck, eine völlig zugebaute Insel zu besuchen, ganz anders, als man sie sich vielleicht vorgestellt haben mag. Die angenehm subtropische Atmosphäre mit Palmen und Orchideen bei der Ankunft im Flughafen kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß spätestens dann, wenn man in der Monorail sitzt und aus dem Fenster schaut, das Stadtbild Nahas dominiert wird von wenig ansehnlichen Betonbauten. Das also soll die „Churashima“, die „Schöne Insel“ sein, die mit herrlichen Stränden und satter Blütenpracht wirbt? Der erste und vielleicht auch der zweite Eindruck von Naha wirken in der Tat nicht unbedingt einladend. Nun, an Blumen und Blüten herrscht wirklich kein Mangel, nahezu überall kann man auf üppige Hibiscus-Sträucher stoßen, und im nördlichen Teil der Insel sollen auch Gegenden zu finden sein, deren Landschaft tatsächlich halten, was das Image Okinawas verspricht. Dennoch sind die meisten Strände hingegen leider in der Hand großer Hotelketten, die sie so ihren Gästen vorbehalten können. Eine Negativentwicklung, die mit der seinerzeit sprunghaft angestiegenen Popularität Okinawas als Ferienparadies zustande gekommen ist.

Da ich jedoch meinen Aufenthalt hier aber in erster Linie mit der Büchersuche in diversen Bibliotheken und mit dem Kennenlernen der inseltypischen Küche verbringen wollte, hat dieser Umstand mir nicht viel ausgemacht. Vielmehr nutzte ich die Gelegenheit, hin und wieder die Stadt Naha zu Fuß zu erkunden und durfte dabei feststellen, daß sie beim näheren Hinsehen gar nicht mehr so reizlos erscheint, sobald man nur etwas tiefer in das Leben eintaucht und schaut, was Teller und Töpfe so zu bieten haben.

Die Eßkultur Okinawas braucht einen Vergleich mit der Küche des japanischen Mutterlandes nicht zu scheuen, ist sie doch in großen Teilen völlig anders, dazu äußerst interessant, und darüber hinaus ebenfalls unbestritten köstlich! Zugegeben, auch hier wirken einige der regionalen Speisen auf daran nicht gewöhnte Gaumen (sowie Augen und Nasen) recht fremdartig, und es mag manchmal auch etwas Überwindung kosten, sich an die eine oder andere Leckerei heranzuwagen. Doch auch wenn man weniger kulinarischen Wagemut zeigt, findet sich in den kleinen und größeren Restaurants, izakaya-Kneipen und Cafés eine reichliche Auswahl an Köstlichkeiten, die einem den kulinarischen Aufenthalt in Okinawa durchaus angenehm bis unvergeßlich machen.

Mit die größte Ansammlung verschiedenster Lokalitäten der ganzen Stadt findet der Besucher ohne Zweifel entlang der Kokusai-dōri 国際通り, der „Internationalen Straße“. Diverse Souvenir- und Klamottenläden, Geschäfte für awamori 泡盛 (den okinawaischen Reisschnaps) und andere Alkoholika sowie Bars und eine große Auswahl an Restaurants locken Tag und Nacht Kundschaft an. Auch wenn die Straße eindeutig vom Tourismus geprägt ist, macht es doch immer wieder Spaß, hier entlang zu schlendern. Einen großen Pluspunkt von mir erhält die Kokusai-dōri darüber hinaus deswegen, weil sie zu einer Nichtraucherzone erklärt wurde, so daß man nicht Gefahr läuft, unentwegt von Rauchschwaden umnebelt zu werden. Die Bandbreite der Restaurants bietet genug Auswahl, um auch bei längeren Aufenthalten jeden Tag etwas Neues ausprobieren zu können: selbstverständlich traditionelle Okinawa-Küche, aber auch relativ neue regionale Spezialitäten wie Tacos, Taco-Reis (auf den ich weiter unten im Text noch einmal zu sprechen komme) und niku-maki 肉巻き, eine Art Roulade aus Schweinefleisch. Gefüllt mit Reis wird sie anschließend knusprig braun gebraten - je nach Wunsch mit oder ohne Käse oben drauf - und gehüllt in ein Salatblatt in einem kleinen Geschäft sowie einem Verkaufswagen an die Kundschaft verkauft. Die nur 350 Yen sind dafür sehr gut angelegt, vor allem bei jungen Gästen erfreuen sich die niku-maki-Rollen sehr großer Beliebtheit! Abgerundet wird die Vielfalt des Angebotes an der Kokusai-dōri übrigens durch einen kleinen Verkaufsstand mit türkischem Döner-Kebab, den ich hier auch nicht unerwähnt lassen möchte!

Unbedingt zu empfehlen ist auch folgende Spezialität: In früheren Zeitaltern wurde den Königen des Ryūkyū-Reiches eine besondere Tee-Spezialität namens bukubuku-cha ぶくぶく茶 serviert. Hierbei krönt den Tee eine mehrere Zentimeter hohe Schaumkrone, die jeden Cappuccino bequem in den Schatten stellen könnte! Mit der selben Zubereitung läßt sich auch Kaffee, Kakao und sogar awamori-Schnaps aufpeppen. Es ist den Spaß wert, das einmal zu probieren, zum Beispiel in dem kleinen „Ryūkyū-Café“ (琉球咖啡館) in der Kokusai-dōri. Der hausgemachte Kuchen des äußerst heimelig eingerichteten Lädchens paßt übrigens auch ausgezeichnet dazu, und wer einmal daheim seinen eigenen bukubuku zubereiten möchte, kann sich dort unter anderem mit den passenden Zutaten eindecken.
Ein bukubuku-Kaffee im Ryûkyû-Café
Ein bukubuku-Kaffee im Ryûkyû-Café

Man findet tatsächlich stets irgendetwas Interessantes entlang der Kokusai-dōri, und damit meine ich nicht nur Ess- oder Trinkbares: Musikfreunde können sich in einer der umliegenden Instrumentenmanufakturen z.B. nach einer Musik umsehen, einer Art dreisaitige Laute, die mit der Musik der Ryūkyū-Inseln untrennbar verbunden ist. Auch für ungeübte Zeitgenossen wie mich ist die Sanshin durchaus leicht zu erlernen und zu spielen. Man hat damit ein regionaltypisches Mitbringsel, das nicht nur optisch etwas hermacht, sondern mit dem man daheim ein wenig Okinawa-Flair herstellen kann, wann immer man möchte. Dazu passen die shīsā シーサー, die typischen Schutzgötter der Ryūkyū-Inseln in Gestalt von Löwenhunden, die man in verschiedensten Farben und Formen erwerben kann. Und wenn man in den Souvenirgeschäften nicht fündig geworden ist, lohnt sich umso mehr ein Abstecher in die Straße Tsuboya-yachimun-dōri 壺屋やちむん通り: Nur ein paar Seitenstraßen entfernt von der Kokusai-dōri, auf der anderen Seite einer überdachten Ladenpassage, reihen sich in alten kleinen Häuschen etwa zwanzig Geschäfte für typische und traditionelle Keramik- und Töpfereiartikel der Ryūkyū-Inseln sowie ein Keramik-Museum aneinander. Hier Hier kann man sich selbst am Gestalten eines shīsā-Löwenhundes versuchen, für ein ganz individuelles Erinnerungsstück an Okinawa!
In der Tsuboya-yachimun-dōri
Einer der allgegenwärtigen shīsā-Schutzgötter.
Einer der allgegenwärtigen shīsā-Schutzgötter.


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