Warum nicht mal Japan per Rad?

Unterwegs in Shimoda 1/2

Da Japan ein hervorragendes Land ist, um es mit dem Fahrrad zu entdecken, wollte ich das auch einfach einmal ausprobieren. Aus diesem Grund besuchte ich in Shimoda 下田 auf der Izu-Halbinsel südlich von Tokyo zunächst Ken’ichi „Ken“ Kawamura von Cycling Japan. Auch wenn die kleine, zauberhafte Stadt Shimoda an der japanischen Pazifikküste wahrscheinlich nur bei den wenigsten ausländischen Touristen auf der Reiseroute steht, hat sie dennoch einiges zu bieten, so daß sich ein Aufenthalt von einigen Tagen durchaus lohnt!

An der Küste von Shimoda An der Küste von Shimoda

Einer der ersten Ausländer, die ihren Weg nach Shimoda fanden, war übrigens der amerikanische Commodore Matthew C. Perry, der 1854 im Tempel Ryousen-ji 了仙寺 den Vertrag über die Öffnung des Hafens von Shimoda (neben dem von Hakodate) für US-amerikanische Schiffe unterzeichnete. Ein Jahr zuvor landete er mit seinen „Schwarzen Schiffen“ vor den Küsten Japans um die Shogunatsregierung zur Aufgabe ihrer Abschließungspolitik zu zwingen. Heute beherbergt der Tempel ein kleines Museum mit Exponaten zu diesem Ereignis. Darüber hinaus erinnern hier und da Büsten Commodore Perry‘s und Gedenktafeln an die Öffnung des Landes, und alljährlich wird am dritten Wochenende im Mai das „Shimoda Festival der Schwarzen Schiffe“ kurofune-matsuri 黒船祭 gefeiert, mit Paraden, Samurai und Händlern im Stil des 19. Jahrhunderts.

In dieser geschichtsträchtigen Gegend also wollte ich mich einen Tag lang per Fahrrad umsehen. Während meines Aufenthalts übernachtete ich in Shirahama 白浜 („Weißer Strand“), etwa vier Kilometer von Shimoda entfernt. Schon bei der Anreise mit dem Taxi zu der kleinen, auf einer Anhöhe recht abgelegenen Pension „Villa Shirahama“ merkte ich, daß die Gegend bergig war, sehr bergig...
Glücklicherweise war mein bei Cycling Japan geliehenes Fahrrad traumhaft leicht und verfügte über ausreichend Gänge und durchsetzungsfähige Bremsen, ich war also bestens gewappnet!

Meine Unterkunft, die „Villa Shirahama“ Am Wegesrand im Wald gesehen... Bizarr, aber harmlos: ein „<i>geji</i>“ (Art Spinnenläufer)

Der Weg von meiner Herberge hinunter zum Strand von Shirahama führte mehr oder weniger steil bergab und war dementsprechend schnell geschafft. Der Strand ist bestens geeignet zum Surfen, regelmäßig werden hier Wettbewerbe veranstaltet. Zum Schwimmen war es jetzt im Herbst deutlich zu kühl (und die See auch zu bewegt), doch gerade am frühen Morgen, wenn die Sonne gerade erst aufgeht, lassen sich hier eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen machen. Und auch der gleich nebenan gelegene Shirahama-jinja-Schrein wirkt in der menschenleeren Morgendämmerung überaus stimmungsvoll!

Am Strand von Shirahama Shirahama-jinja-Schrein Shirahama-jinja-Schrein Shirahama-jinja-Schrein Shirahama-jinja-Schrein Shirahama-jinja-Schrein

Anschließend die Küstenstraße entlang nach Shimoda zu radeln und die kleine vorgelagerte Suzaki-Halbinsel mit dem Kap Tsumekizaki zu erkunden machte einfach nur Spaß: mehr oder weniger starke Steigungen wechselten sich mit oft sehr langen Bergabfahrten ab. So konnten sich die Waden nach gelegentlich anstrengendem Bergaufstrampeln gemütlich entspannen, dafür hatten dann die Finger an den Bremsen ausreichend Arbeit! Nicht nur für eine Erholungspause nach einer ausgedehnten Fahrradtour lohnt sich übrigens der wunderschöne Park Tsumekizaki-kôen, von hier aus hat man atemberaubende Aussichten über das umliegende Meer. Allerdings sollte man bei einem Ausflug hierher nach Möglichkeit einen frischen Akku für die Kamera bereithalten. Der Ärger, diese Eindrücke nicht bildlich festhalten zu können, kann ziemlich an einem nagen, ich spreche da aus eigener Erfahrung...

Wenn man gerade in der Gegend unterwegs ist, sollte man sich einen Besuch des kleinen Tempels Gyokusen-ji 玉泉寺 nicht entgehen lassen. Hier wurden seinerzeit Offiziere der Schwarzen Schiffe Commodore Perry‘s untergebracht, und hier residierte 1856 Townsend Harris als erster US-amerikanischer Generalkonsul in Japan. Da es Harris während seines knapp dreijährigen Aufenthaltes nach Kuhmilch und Rindfleisch verlangte, taten die Einwohner Shimodas ihr Möglichstes, um ihn bestens zu versorgen. Heute erinnert ein Monument im Gyokusen-ji an die erste Kuh, die für den menschlichen Verzehr in Japan geschlachtet wurde, und der Tempel gilt auch als der „Geburtsort“ der japanischen Milchproduktion. Nun, beide Behauptungen sind nicht ganz stimmig, trotz des buddhistisch begründeten Verbotes kam in Japan immer wieder mal vereinzelt Fleisch auf den Tisch, und seit der Einführung des Christentums waren manche Anhänger dieser neuen Religion versucht, auch gelegentlich Rind zu probieren. Zwar erneuerte die Tokugawa-Shôgunatsregierung der Edo-Zeit diesen Bann von Zeit zu Zeit, jedoch galt der 8. Shôgun (regierte von 1716 bis 1745) selbst ebenfalls durchaus als ein Freund von Rindfleisch. Auf ihn geht auch der Versuch zurück, Milchprodukte in Japan zu etablieren, wenn auch mit sehr geringem Erfolg.
Doch wie auch immer, sicherlich kann man die kulinarischen Wünsche des Konsul Harris guten Gewissens als einen Wendepunkt in der Eßkultur des Landes bezeichnen, somit mag der Gyokusen-ji nicht nur für Freunde des japanischen Rindfleischs eine lohnenswerte Sehenswürdigkeit darstellen.

Um sich einen Eindruck des alten Stadtlebens zu verschaffen, sollte man unbedingt die malerische Perry Road ペリーロード mit ihren traditionellen japanischen Häuschen und zahlreichen Brücken entlang eines kleinen Kanals besuchen. Die Gebäude sind weniger alt als sie wirken, die meisten mußten nach einem verheerenden Tsunami im Dezember 1854 erst wieder neu errichtet werden. Dennoch besitzt die Gegend hier eine historische Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Einen großen Anteil daran haben die sogenannten namako-kabe (svw. „Seegurken-Wände“), die man noch an sehr vielen der alten Häuser hier in Shimoda sehen kann. Charakteristisch für diese Wände ist das gitterförmige weiße Muster der Mauern, die die Stadt nach einem (hier recht häufigen) vor einem sich ausbreitenden Großfeuer bewahren sollten. Daß dieses Design entfernt an die Haut einer Seegurke erinnert, erklärt somit auch den Namen der Wände.
Auf der Suche nach ruhigen Cafés oder Bars wird man in der Perry Road ebenfalls fündig, so daß auch ein Besuch in den Abendstunden hier lohnt!

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